Wirtschaft und Kapitalmärkte:
Rückblick, Einordnung und Perspektiven 2026

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Ein Goldener Bär und ein Goldener Bulle stehen sich gegenüber. Hinweis auf Bären- und Bullenmarkt im Bezug auf Aktien.

Politische Machtverschiebungen, neue handelspolitische Eingriffe und anhaltende geopolitische Konflikte haben die Finanzmärkte spürbar bewegt. Welche Ereignisse 2025 besonders ins Gewicht fielen, warum sich Erwartungen und tatsächliche Marktentwicklungen teils deutlich unterschieden und welche Konsequenzen sich daraus für die Vermögensstruktur ergeben, haben wir mit Thomas Wirth, Leiter Private Banking der Region Bad Schwalbach/Rheingau, und Stefan Pihaule, Leiter Vertriebsunterstützung, besprochen.

Herr Pihaule, Herr Wirth, wenn wir auf das vergangene Jahr zurückblicken – welche politischen und wirtschaftlichen Ereignisse haben die Finanzmärkte besonders beeinflusst?

Stefan Pihaule: Bewegungsfaktoren gab es viele. Der Amtsantritt und die ersten Monate der neuen US-Regierung war einer davon. Seither haben geopolitische Spannungen und handelspolitische Maßnahmen eine neue Dimension erreicht.
Thomas Wirth: Ein besonders markanter Punkt war der April 2025, als die US-Regierung neue Zölle in ungewöhnlich hoher Größenordnung ankündigte. Die Aktienmärkte korrigierten in dieser Phase spürbar, stabilisierten sich jedoch auch wieder. Die Verunsicherung war insgesamt groß – politisch wie wirtschaftlich. Sie beschäftigt uns bis heute.

Welche geopolitischen Themen haben die Lage zusätzlich geprägt?
Stefan Pihaule: Neben den Zollmaßnahmen trug nicht zuletzt der Konflikt um Venezuela zu einer neuen Qualität geopolitischer Spannungen bei. Gleichzeitig zeigte sich, dass die US-Außenpolitik weniger auf Vermittlung setzte als erwartet. Unter dem Schlagwort Donroe-Doktrin wurde der machtpolitische Anspruch der USA in der westlichen Hemisphäre erneut betont. Auch Spannungen rund um Grönland, Kolumbien, Kuba oder Kanada verstärkten die Unsicherheit zusätzlich.

Wie hat sich diese Politik auf Wirtschaft und Inflation ausgewirkt?
Stefan Pihaule: Die Auswirkungen fielen weniger negativ aus als vielfach erwartet. Die Dynamik der US-Wirtschaft hat sich bislang nicht merklich verringert, auch die Inflation blieb moderat. Zwar liegt die amerikanische Inflationsrate aktuell rund einen Prozentpunkt über der deutschen Inflationsrate, doch die befürchtete Krise blieb aus. Gleichzeitig erhöhte sich das Risiko, dass die USA verstärkt importierten Inflationstendenzen ausgesetzt ist – der Preisdruck kommt dann also weniger aus der eigenen Wirtschaft, sondern von außen.

Wie schätzen Sie die geopolitischen Spannungen insgesamt ein?
Stefan Pihaule: Wir haben noch immer die Nachwirkungen des Gaza-Konflikts und den weiter schwelenden Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Trotz verschiedener Vermittlungsversuche der USA gab es bislang keinen Durchbruch. 
Thomas Wirth: Parallel dazu wächst die Frage nach der Stabilität der NATO, gerade unter Betrachtung der neuen Machtblöcke in Asien, Russland, China, Europa und Amerika. Die Weltwirtschaft bleibt in Bewegung, vieles ist noch nicht austariert.

Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland und Europa?
Stefan Pihaule: Deutschland steht weiter unter Druck. Das erwartete Wachstum wurde im Januar nach unten korrigiert – von 1,3 auf 1,0 Prozent.* Ob selbst diese 1,0 Prozent erreicht werden, ist offen. Europa ist im Moment kein Treiber, sondern eher Beobachter. Die entscheidenden Impulse kommen aus den USA, aus China oder Russland. Gleichzeitig wird der globale Handel stärker von innenpolitischen Interessen geprägt – eine klare Tendenz zur Deglobalisierung: Produktionsketten werden zurückverlagert, Zölle nehmen zu, und Märkte sowie Lieferketten verschieben sich. Die Handelsströme ordnen sich dadurch permanent neu – vieles ist noch nicht ausbalanciert, und Prognosen bleiben daher unsicher.

Was bedeutet das für wirtschaftliche Analysen und Prognosen?
Stefan Pihaule: Die klassischen Analyse-Modelle greifen aktuell nicht mehr. Normalerweise lässt sich aus früheren Entwicklungen ableiten, was passiert, wenn man an einer wirtschaftlichen Stellschraube dreht. Heute ist das kaum möglich – die Effekte sind zu komplex, die Wechselwirkungen oftmals schwer vorhersehbar. Einfache Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge funktionieren kaum noch. Momentan herrscht eine Überforderung mit den Dynamiken, die wir beobachten. Diese Unsicherheit dürfte uns noch mehrere Jahre begleiten.

Gab es Anlageklassen, die sich aufgrund der Unsicherheiten besonders entwickelt haben?
Thomas Wirth: Ja, das war Gold. Es hat im vergangenen Jahr rund 70 Prozent an Wert zugelegt.** Das zeigt, wie groß die Unsicherheit war. Anlegende sollten jedoch berücksichtigen, dass die vergangene Performance kein verlässlicher Maßstab für die künftige Wertentwicklung ist und Preisschwankungen immer im individuellen Risikokontext zu bewerten sind. 

Und wie stellte sich das Anlagejahr darüber hinaus an den übrigen Märkten dar? 
Thomas Wirth: Insgesamt entwickelten sich die Aktienmärkte 2025 positiv, allerdings mit deutlichen Differenzierungen. In den USA entwickelten sich viele Aktien in lokaler Währung ebenfalls gut, aus europäischer Sicht schmälert die Abwertung des US-Dollars jedoch einen Teil der Erträge. Real profitierten daher vor allem Investments mit sehr hohen Kursgewinnverhältnissen, insbesondere im Bereich US-Hochtechnologie.
Stefan Pihaule: Zu den Gewinnern zählten außerdem europäische Sicherheits- und Verteidigungswerte. Schwächer entwickelten sich dagegen klassische Konsum- und Industrieunternehmen, insbesondere der Automobilsektor, der weiterhin unter strukturellem Anpassungsdruck steht. Auf der Rentenseite verlief die Entwicklung vergleichsweise ruhig. Hier ließen sich weiterhin stabile laufende Erträge erzielen, vor allem im europäischen Zinsumfeld. Doch auch hier sollten Risiken, wie bspw. Zinsänderungen oder Bonitätsrisiken berücksichtig werden.  

Lassen Sie uns einen Blick auf die Zinsentwicklung werfen: Wie schätzen Sie die weiteren Entwicklungen ein – insbesondere im Vergleich von EZB und Fed?
Stefan Pihaule: Für dieses Jahr erwarten die meisten keine großen Veränderungen. Vereinzelte Stimmen halten zum Jahresende hin einen Zinsschritt nach oben für möglich, aber die EZB befindet sich aktuell in einer komfortablen Lage: Die Inflation liegt mit rund 2,0 Prozent genau im Zielbereich. Anders als die US-Notenbank verfolgt die EZB nur ein Ziel – Preisstabilität. Die Fed dagegen hat ein Doppelmandat: Preisstabilität und Wirtschaftswachstum. Das bedeutet, dass die EZB nicht automatisch die Zinsen senken würde, nur um die Wirtschaft zu stützen. Kurzum: Wir bleiben wohl bei etwa 2,0 Prozent. Real lässt sich damit im Geldmarkt keine Wertsteigerung erzielen. Wer im Einjahresbereich investiert, erhält meist weniger als 2,0 Prozent – das entspricht ungefähr der Inflationsrate. Erst bei längeren Laufzeiten, ab zwei bis drei Jahren, sind etwas höhere Zinsen von bis zu 3,0 Prozent möglich.

Immer wieder gab und gibt es Diskussionen über Bewertungsfantasien im Technologiesektor. Die Kurse sind weiter gestiegen. Wie schätzen Sie die Gefahr einer Blase ein?
Thomas Wirt: Von einer klassischen Blase wie zur Jahrtausendwende kann man derzeit nicht sprechen. Damals waren viele Unternehmen hoch bewertet, ohne Gewinne zu erzielen. Heute sprechen wir über Werte mit der höchsten Marktkapitalisierung im S&P 500 – die sogenannten „Magnificent 7“: Alphabet, Microsoft, Apple, Amazon, Meta, Tesla und Nvidia. Diese Unternehmen erzielen reale Gewinne und hohe Margen. Dennoch sind Aktieninvestments Risiken, wie bspw. Kapitalverlustrisiken, ausgesetzt. Anders als im Jahr 2000 lassen sich ihre Bewertungen damit grundsätzlich berechnen. Gleichzeitig ist bereits sehr viel zukünftiges Wachstum eingepreist. Ob sich diese Erwartungen erfüllen, wird darüber entscheiden, wie sich die Kurse weiterentwickeln.

Nach einem Jahr mit stark divergierenden Erwartungen und überraschenden Marktbewegungen: Worauf kommt es bei Anlageentscheidungen besonders an?
Stefan Pihaule: Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt, dass Erwartungen und Prognosen als alleinige Orientierung nicht tragen. Abweichungen machen sichtbar, dass nicht die einzelnen Annahmen oder Prognosen entscheidend sind, sondern die Auswirkungen im Gesamtvermögen. Maßgeblich ist daher die Struktur des Portfolios und die Frage, wie stark einzelne Bestandteile das Gesamtergebnis prägen, wenn sich Märkte anders entwickeln als erwartet. Dabei ist entscheidend, wie die einzelnen Anlagen im Portfolio zusammenspielen – denn Überschneidungen können dazu führen, dass sich Risiken unbemerkt bündeln, obwohl auf den ersten Blick eine breite Streuung vermutet wird.

Worauf kommt es gerade jetzt in diesen unsicheren Zeiten in der Beratung an?
Thomas Wirth: Auf den konsequenten Abgleich von Anlagementalität, Risikoneigung sowie persönlichen Zielen und Wünschen. Hohe Erträge helfen nicht, wenn die Schwankungen nicht ausgehalten werden. 

Was ist die zentrale Botschaft an Kundinnen und Kunden mit Blick nach vorn?
Thomas Wirth: Ruhe bewahren und im Gespräch bleiben. Die Märkte lassen sich nicht verlässlich vorhersagen, aber Vermögensstrategien können angepasst werden. Das heißt, man muss nicht auf jede Schlagzeile mit Panik reagieren.
Stefan Pihaule: Hilfreich kann es sein, die eigene Aufstellung regelmäßig zu überprüfen, gerne gemeinsam mit Ihrer persönlichen Private Banking-Beraterin oder Ihrem persönlichen Private Banking-Berater.

Disclaimer:
Die vorstehenden Angaben und Darstellungen stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Die Informationen sind weder ein Angebot noch eine direkte oder indirekte Empfehlung für den Erwerb oder die Veräußerung von Wertpapieren oder sonstigen Finanzinstrumenten und ersetzen nicht eine individuelle anleger- und anlagegerechte Beratung. Sie dienen ausschließlich Ihrer Information. Dies gilt auch dann, wenn einzelne Emittenten oder Wertpapiere erwähnt werden. Bei Bedarf setzen Sie sich deshalb bitte mit Ihrer zuständigen Beraterin oder Ihrem Berater in Verbindung. Bei diesem Dokument handelt es sich um eine Marketingmitteilung i. S. d. WpHG. Die hier enthaltenen Aussagen geben unsere aktuelle Einschätzung zum Zeitpunkt der Erstellung wieder. Diese kann sich jederzeit ohne Ankündigung ändern. 

Quelle:
* Meldung Bundesregierung vom 29.01.2026: „Wirtschaft wächst langsamer als vorausgesagt“, Abruf 1/2026
** Goldpreis aktuell in Euro – Goldkurs; Goldpreisentwicklung, Abruf 1/2026 

Foto: iStockphoto/asbe

20.02.2026

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